Ja, du kannst!


Uri Avnery

ZUNÄCHST ein ehrliches Geständnis: Ich liebte das Shepherd Hotel sehr.

In den ersten Jahren nach dem Sechstage-Krieg war ich dort häufig zu Gast. Meine Arbeit in der Knesset verlangte, dass ich wenigstens zwei Nächte pro Woche in Jerusalem blieb, und nach dem Krieg wechselte ich von Hotels in West-Jerusalem zu solchen im östlichen Teil. Mein Lieblingshotel war das Shepherd. Dort fühlte ich mich wie zu Hause.

Der Charme der Örtlichkeit lag in seiner besonderen Atmosphäre. Es lag mitten in der alten arabischen Stadt, die schon selbst meine Neugierde weckte: seine Räume hatten hohe Decken und alte Möbel und es wurde von bemerkenswerten Leuten geleitet, zwei älteren arabischen Damen, die ihre Ausbildung in Beirut erhalten hatten und tief in der palästinensisch-libanesischen Kultur beheimatet waren.

Das Hotel liegt im Herzen des Stadtteils des Al-Husseini-Familienclans. Der Besitz dieser ausgedehnten Familie mit mehr als 5000 Mitgliedern, erstreckt sich über den größeren Teil des Sheikh-Jarrah-Viertels, das auch das legendäre Orienthaus mit einschließt.

Die Al-Husseini-Familie ist eine der handvoll aristokratischen Jerusalemer Familien und vielleicht die geachtetste (so denken mindestens ihre Mitglieder). Jahrhunderte lang hatten Familienmitglieder wenigstens eine der drei bedeutendsten Positionen der Stadt inne: die des Großmufti, des Bürgermeisters und die Verantwortung für die islamischen heiligen Stätten.
Das Shepherd-Hotel wurde von Haj Amin al-Husseini, dem Mufti, gebaut, der in den 30er Jahren die arabische Rebellion leitete, und der Araber war, den die hebräische Gemeinde am meisten hasste.

Ich verbrachte Stunden im Gespräch mit den beiden Damen, lernte eine Menge von ihnen und war dem Haus sehr verbunden. Es war für mich ein trauriger Tag, als es geschlossen wurde.

Ich weiß nicht, wie dieser Besitz in die Hände des amerikanischen Millionärs, des Bingo-Königs, gefallen ist, dessen erklärte Absicht es ist, jüdische Siedlungen in der ganzen arabischen Stadt anzusiedeln. Nun will er ein Häuserprojekt auf dem Grund und Boden des Shepherd-Hotels bauen. Das ist genug über ihn. Mein Geschäft ist mit Netanyahu.


NETANYAHUS Ziel ist es, Jerusalem zu judaisieren. In dieser Woche rühmte er sich, dass er während seiner letzten Amtszeit vor zehn Jahren den wie eine Festung aussehenden jüdischen Vorort Har Homa gebaut hat.

Zu Har Homa – dessen wirklicher Name „Jebel Abu Ghneim“, „Berg des Vaters der Schafe“ ist – habe ich auch eine besondere persönliche Beziehung. Ich hatte viele Tage und Nächte im Zelt dort verbracht, um den Bau dieses monströsen Wohnungsbauprojektes zu verhindern, das nun dort so drohend aufragt.

Der Führer dieses Kampfes war ein anderer Husseini – der unvergessliche Feisal. Ich habe ihn sehr verehrt. Ich zögere nicht zu sagen, dass ich ihn liebte. Er war ein Edelmann im wahrsten Sinn des Wortes: ein Nachkomme des Adels, aber bescheiden in seinem Verhalten, großzügig und zugänglich, ein Mann des Friedens, aber furchtlos bei seinen Konfrontationen mit den Besatzungstruppen, ein wirklicher palästinensischer Patriot, moderat in seinen Ansichten, weise und mutig. Er war der Sohn von Abd-al-Kader al-Husseini, dem Anführer der arabischen Kämpfer im 1948er-Krieg im Raum Jerusalem. Er wurde in der Schlacht um das „Castel“ nahe der Stadt getötet. Ich war an dieser Schlacht nicht beteiligt, fuhr aber wenige Stunden danach mit einem Hilfskonvoi für den belagerten jüdischen Teil Jerusalems dort vorbei. Wie die meisten meiner Kameraden achtete ich ihn als einen ehrenhaften Feind.

Har Homa war – für jene, die es vergessen haben sollten – ein Ort zwischen Jerusalem und Bethlehem von einmaliger Schönheit, ein lang gesteckter Hügel mit dichten Wald. Die Zerstörer Jerusalems und Bethlehems – jene brutale Koalition von Immobilien-Haien, fanatischen Zionisten, amerikanischen Millionären und religiösen Mystikern – haben entschieden, den letzten Fleck Schönheit zu vernichten, um eine dichte, befestigte und besonders hässliche jüdische Siedlung zu bauen. Unter der Leitung von Faisal und Ta’amri, dem früheren Mann einer jordanischen Prinzessin, wurde ein Zeltlager aufgestellt. Als die Bulldozer anfingen, die Bäume zu entwurzeln und die Hügelkuppe zu roden, hielten wir Dutzende von Demonstrationen und Nachtwachen ab. Bei einer von ihnen erlitt ich eine innere Blutung und würde dort mein Leben beendet haben, wenn es nicht einem palästinensischen Ambulanzwagen gelungen wäre, mich auf dieser weglosen Steinwüste zu erreichen und noch rechtzeitig in ein Krankenhaus zu bringen. Deshalb habe ich auch zu diesem Ort ein besonderes Verhältnis.


DIE SHEPHERD-Provokation ist Teil unermüdlicher Bemühungen, Jerusalem zu „judaisieren“. Einfacher gesagt: eine ethnische Säuberung auszuführen. Die Kampagne geht nun schon seit 42 Jahren, vom ersten Tag der Besatzung Ost-Jerusalems, vonstatten. Aber der Zeitpunkt dieser besonderen Operation hängt mit taktischen Erwägungen zusammen.

Netanyahu sieht sich schwerem amerikanischen Druck gegenüber, um den Siedlungsbau in der Westbank einzufrieren. Er ist nicht in der Lage, dies zu tun, solange er der augenblicklichen Koalition vorsteht, die er selbst so wollte, die aus Rechten, religiösen Zeloten, Siedlern und ausgemachten Faschisten besteht. Er hat mehrere „Kompromisse“ angeboten, die alle auf verschiedenen betrügerischen Tricks beruhen. Aber die Amerikaner haben die Lektionen aus der Vergangenheit gelernt und gingen nicht in seine Fallen.

Sein siamesischer Zwilling Ehud Barak ist eifrig dabei, in die Medien „Nachrichten“ über eine grandiose Operation zu schleusen: jeden Augenblick sollen mit einem Streich – wie Alexander der Große mit dem Gordischen Knoten – Dutzende von Siedlungs-“Außenposten“, die seit 2001 mit geheimer Regierungsunterstützung errichtet wurden, vernichtet werden. Aber außer den Medienleuten selbst glaubt keiner so recht daran, dass dies geschehen wird. Ganz gewiss nicht die Siedler, nach ihrem wissenden Lächeln zu beurteilen.

Was also tun, um die Auflösung der Außenposten zu verhindern? Netanyahu, der König von PR, hat eine Lösung: eine neue Provokation, um die Aufmerksamkeit von der letzten abzuziehen. Das Shepherd-Hotel zieht jetzt die Aufmerksamkeit der Welt von den Hügeln in ‚Judäa und Samaria’ weg. Wenn man Zahnschmerzen hat, vergisst man die Bauchschmerzen.

Was, sagt er, die Goyim wollen uns verbieten, in Jerusalem zu bauen, in unserer heiligen Stadt? Unsere ewige Hauptstadt, die für alle Ewigkeit vereinigt worden ist?! Was für eine Chutzpe! Wollen sie Juden verbieten, in New York zu bauen? Wollen sie Engländern verbieten, in London zu bauen?!

Netanyahu übertraf sich selbst, als er erklärte, dass jeder Araber in West-Jerusalem leben könne, warum könne dann ein Jude nicht ein Haus in Ost-Jerusalem bauen?

Das ist deutlich und auf den Punkt gebracht -- und absolut falsch. Wenn Netanyahu solche Dinge sagt, weiß man nicht genau, ob er bewusst Lügen verbreitet (obwohl sie leicht widerlegt werden können) oder ob er selbst seinen Unwahrheiten glaubt. So sagte er z.B., dass er sich noch an die britischen Soldaten vor seinem Haus erinnere, als er noch ein Kind war – doch der letzte britische Soldat hatte schon ein Jahr bevor er geboren wurde, das Land verlassen.

Die Wahrheit ist, dass abgesehen von äußert seltenen Ausnahmen, kein Araber eine Wohnung in West-Jerusalem erwerben, geschweige denn ein Haus dort bauen kann – obwohl große Teile der westlichen Stadt aus früheren arabischen Stadtteilen bestehen, deren Bewohner während des 1948er Krieges flohen oder vertrieben wurden. Den früheren Besitzern der Häuser in diesen Vierteln (Talbiya, Katamon, Baka’a, Dir Yassin), die in Ost-Jerusalem Zuflucht fanden, wurde es nicht erlaubt, zu ihren Häusern zurückzukehren, als Jerusalem 1967 „vereinigt“ wurde. Es wurde ihnen auch keine Kompensation gezahlt (wie ich es in der Knesset vorgeschlagen hatte).

Aber Netanyahu ist es gleichgültig, ob ihm die Leute glauben oder nicht. In dieser Woche war er, wie in den anderen Wochen seit seiner Rückkehr zur Macht, voll mit seinem Überleben als Ministerpräsident beschäftigt. Um zu überleben, muss die Koalition intakt bleiben. Um dies zu erreichen, muss er zeigen, dass er unter amerikanischem Druck nicht zusammenknickt. Es gibt keinen besseren Platz als Jerusalem, um dies zu beweisen.

Über Jerusalem, wie offizielle Sprecher nie müde werden zu sagen – über Jerusalem gibt es einen nationalen Konsens: von Wand zu Wand: von der Linken bis zur extremen Rechten.

Doch dieser Mythos ist längst gestorben. Solch ein Konsens besteht nicht mehr. Gerade jetzt sind die meisten Israelis bereit, die arabischen Viertel Ost-Jerusalems der palästinensischen Regierung für wirklichen Frieden zurückzugeben. Ich kenne keine jüdische Mutter, die bereit wäre, ihren Sohn in einem Krieg für das Shepherd Hotel zu opfern.


ICH MÖCHTE noch einen anderen Mythos widerlegen, der unnachgiebig von unsern Medien propagiert wird: dass sich gerade ein nationaler Konsens gegen Präsident Obama bildet.

Im klassischen Hebräisch sagen wir: Keine Bären, kein Wald. Oder im Umgangssprachlichen: Keine Vögel, keine Schuhe.

Viele Israelis, ja, sehr viele hoffen, dass Barack Obama für sie tun wird, was ohne ihn unmöglich ist: den Frieden bringen. Sie sind über unser politisches System verzweifelt, über beides, die Koalition und die Opposition, von der Rechten und der Linken, sie sind davon überzeugt, dass nur eine Macht von außen diese Hoffnung realisieren kann.

Falls Obama tatsächlich mit Netanyahu wegen der hartnäckigen Weigerung, den Siedlungsbau in der Westbank einzufrieren und wegen des Weiterbaus in Ost-Jerusalem zusammenstoßen solle, dann werden viele Israelis um einen Sieg Obamas beten. Sie wissen, dass in dieser Schlacht nicht Netanyahu, sondern Obama die wahren Interessen Israels vertritt.

Die Frage ist nur, ob Obama – wie seit Dwight Eisenhower kein vorausgegangener Präsident - die Macht hat, die Sache durchzuziehen.

Netanyahu glaubt es nicht. Seine amerikanischen Partner – die geschlagenen Republikaner, die Neo-Cons, die sich jetzt zurückhalten, die fast schweigenden evangelikalen Prediger – das ganze besiegte Lager hofft, sein Glück wieder zu gewinnen, indem es die jüdische Lobby und die israelische Regierung ermutigt, Obama zu provozieren. Netanyahu, der in der Vergangenheit den Kongress gegen das Weiße Haus mobilisierte, glaubt, er könne das noch einmal tun.

Unsere Zeitungen berichten mit Häme durch Tabellen und Schaubilder, dass Obamas Ansehen in Amerika im Sinken begriffen sei. Es ist nicht schwer zu erraten, dass diese Information aus Avigdor Liebermans Außenministerium stammt, aus derselben Quelle, die die amerikanischen Medien mit Berichten über die wachsende Opposition gegen Obama in der israelischen Öffentlichkeit versorgt. Bald werden die amerikanischen Medien zeigen, wie israelische Demonstranten Poster schwenken, auf denen Obama in SS-Uniform zu sehen ist, so wie es Yassir Arafat bzw. Yitzhak Rabin vor ihm geschehen ist.

In der Schlacht geht es nicht um 20 Außenposten und auch nicht um 20 Apartments auf Grund und Boden des Shepherd-Hotels. Jedes Haus in jeder Westbanksiedlung dient einem höheren Zweck: der Möglichkeit den Frieden zu zerstören. Jedes israelische Haus in Ost-Jerusalem dient demselben erhabenen Ziel. Die Gegner des Friedens wissen, dass kein arabischer Führer je ein Friedensabkommen unterzeichnen wird, das Ost-Jerusalem nicht als palästinensische Hauptstadt bestimmt, und kein arabischer Führer wird jemals ein Friedensabkommen unterzeichnen, das nicht die ganze Westbank dem neuen Staat Palästina vermacht.

Auf den Schultern Barak Obamas ruht eine schwere historische Verantwortung: nicht einzuknicken, nicht nachzugeben und keine „Kompromisse“ zu schließen. Auf dem totalen Einfrieren der Siedlungsaktivitäten zu bestehen – als erster und notwendiger Schritt in Richtung Frieden – um seinet- und auch um unsretwillen.

Als Israeli habe ich das Gefühl, ihm zurufen zu müssen: Ja, du kannst!

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
www.uri-avnery.de/magazin/artikel.php


Während Bushs Besuchs in Jerusalem vor wenigen Tagen schimpfte dieser gegen das „Reden mit Feinden“. Man verstand dies als eine Zurechtweisung Barack Obamas, der seine Bereitschaft ankündigte, mit den politisch Verantwortlichen des Iran sprechen zu wollen. Vielleicht setzt Olmert schon auf Obamas Eintritt in das Weiße Haus.
Aber noch ist Bushs Amtszeit nicht zu Ende. Es sind noch acht Monate. Und auch er könnte zu der Schlussfolgerung kommen, „die Flucht nach vorne“ anzutreten. In diesem Fall, den Iran anzugreifen.


Die Flucht nach vorne

Uri Avnery

DIE DEUTSCHEN nennen es „die Flucht nach vorne“. Wenn die Situation verzweifelt ist, greife an! Statt sich zurückzuziehen, geh vorwärts!

Diese Methode war 1948 erfolgreich. Ende Mai war die ägyptische Armee auf dem Weg nach Tel Aviv. Wir waren eine sehr, sehr dünne Abwehrlinie von Soldaten, das war alles, was ihnen im Weg stand. Also griffen wir an. Immer und immer wieder. Wir hatten große Verluste. Aber wir brachten den ägyptischen Vormarsch zum Stillstand.

Nun wendet Ehud Olmert dieselbe Methode an. Seine Situation ist verzweifelt. Kaum einer in Israel zweifelt daran, dass er eine Menge Bestechungsgelder in mit Dollar gefüllten Umschlägen erhalten hat. Vermutlich wird der Staatsanwalt ihn irgendwann anklagen, und dies wird ihn zwingen, sein Amt niederzulegen.

Und siehe da – im kritischsten Augenblick, kurz bevor die schlimmsten Details öffentlich wurden, wurde gleichzeitig in Jerusalem, Damaskus und Ankara ein gemeinsames Statement veröffentlicht, das den Start von Friedensverhandlungen zwischen Israel und Syrien mit der Türkei als Vermittler verkündet. Die Verhandlungsgespräche gründen sich auf die Prinzipien der Madrid-Konferenz von 1991, d.h. die Rückgabe der ganzen Golanhöhen.

Wow!

AUCH DARIN ist Olmert der würdige Schüler seines Vorgängers und Mentors, Ariel Sharon.

Sharon steckte bis zum Hals in Korruptionsaffären. In einer von ihnen, der sog. „Griechische-Insel-Affäre“, zahlte der israelische Millionär David Appel große Summen an Sharons Sohn, einen Anfänger, für „Beratung“. Auch damals schien es, dass der Staatsanwalt nicht umhin konnte, eine Anklage zu erheben.

Sharons Antwort war äußerst genial: die Trennung. Die Trennung vom Gazastreifen und die Trennung vom Staatsanwalt.

Das war eine gigantische Operation. In einer genauestens mit einander abgestimmten melodramatischen Aufführung wurden die Gush Kativ-Siedlungen geräumt. Zusammen mit mehreren Divisionen der Armee waren alle Polizeikräfte – dieselbe Polizei, die vermutlich Sharons Familienaffären hätte untersuchen sollen – bei einer atemberaubenden nationalen Aktion eingesetzt. Das Friedenslager unterstützte natürlich die Evakuierung der Siedlungen. Die Korruptionsaffären waren so gut wie vergessen.

Die Trennung, die ohne jeglichen Dialog mit den Palästinensern durchgeführt wurde, machte den ganzen Gazastreifen zu einer tickenden Bombe, und nun soll Ehud Olmert über eine Waffenpause verhandeln. Für Sharon aber war das Ganze ein Erfolg. Wenn er keinen Schlaganfall erlitten hätte, wäre er noch heute Ministerpräsident.

Diese Lektion entging Olmert nicht.

ÄSTHETEN MÖGEN jetzt Pfui! ausrufen. Solch einen schmutzigen Trick sollten wir nicht unterstützen. Wir können einem Frieden nicht zustimmen, der in Sünde gezeugt wird!
Es scheint, dass mein ästhetisches Gefühl abgestumpft ist. Weil ich auch bereit wäre, von einem total korrupten Führer, ja, mit dem Teufel selbst, einen Frieden anzunehmen. Wenn die Korruption eines Politikers ihn veranlasst, etwas zu tun, das das Leben von Hunderten und Tausenden von Menschen auf beiden Seiten rettet – dann ist das für mich in Ordnung. Sprach der Philosoph Friedrich Hegel nicht von der „List der Vernunft“ ?

Die Bibel berichtet von der Armee von Damaskus, wie sie Samaria belagerte, die Hauptstadt des Königreichs Israel: Vier Aussätzige brachten der Stadt die Nachricht, dass der Feind geflohen sei (2.Kön.7). Die hebräische Dichterin Rachel schrieb – auf diese Geschichte anspielend – dass sie nicht bereit sei, gute Nachrichten von Aussätzigen zu empfangen. Nun, ich bin es doch.

Man war sich immer darin einig, um Frieden zu schließen, bedarf es starker Führer. Nun scheint es so, als wäre das Gegenteil der Fall: auch ein schwacher Führer, der fast in Problemen erstickt, dessen Amtszeit jeden Augenblick zu einem plötzlichen Ende kommen könnte und dessen Koalition auf wackligen Füßen steht, ein Führer, der nichts mehr zu verlieren hat, der wird alles riskieren, um Frieden zu schließen.

DIE GESCHICHTE kann in verschiedene Richtungen gehen.

Die erste Möglichkeit: es ist alles „spin“ (Propaganda) – ein amerikanischer Ausdruck, der zu Olmerts Spitznamen wurde. Er wird die Verhandlungen wie Kaugummi in die Länge ziehen, wie er es mit den Palästinensern tut, und warten, bis der Sturm vorbei ist.

Es wird für ihn schwierig sein, so zu handeln, weil die Türkei mit im Spiel ist . Selbst Olmert versteht, dass es reine Dummheit wäre, die Türken wütend zu machen, die ihr nationales Prestige hierbei riskieren. Die Türkei ist ein sehr wichtiger Partner unseres Sicherheitsestablishments.

Doch egal was daraus wird, Olmerts Einverständnis, Verhandlungen durchzuführen, die sich auf die vollständige Rückgabe des Golan gründen, ist ein bedeutender Schritt nach vorne. Zusätzlich zu früheren Verpflichtungen von Yitzhak Rabin, Binyamin Nethanyahu und Ehud Barak ist es ein Schritt, von dem es kein Zurück gibt.

Die zweite Möglichkeit: Olmert meint es wirklich ernst. Aus egoistischen Gründen will er Verhandlungen „in guter Absicht“ führen – wie er in dieser Woche versprach - und ein Abkommen erreichen. Im Land erhebt sich eine wilde Hetzkampagne gegen ihn. Die Knesset wird auseinanderfallen, neue Wahlen werden stattfinden müssen, Olmert wieder an der Spitze der Kadimaliste stehen und als Friedensstifter siegen.

Oder er wird die Wahlen verlieren. Er wird die politische Bühne aber aus ehrenhaftem Anlass verlassen - nicht wegen seiner Korruption, sondern als einer, der sich auf dem Altar des Friedens geopfert hat.

Oder: der Staatsanwalt wird ihn trotz allem anklagen - er wird zurücktreten und mit hoch erhobenem Kopf nach Hause gehen wie ein Führer, der einen historischen Schritt unternommen hat. Der Staatsanwalt wird dann wie ein Saboteur des Friedens angesehen, der womöglich sogar noch einen Krieg verursacht hat.

EINE TREFFENDE Frage: Falls Olmert sich tatsächlich entschieden hat, die „Flucht nach vorne“ anzutreten, warum flieht er in Richtung Frieden und nicht in Richtung Krieg? Gewöhnlich geschieht das Gegenteil: Nationale Führer, die auf der Schwelle zu einer Katastrophe stehen, fangen lieber einen kleinen (oder manchmal großen) Krieg an. Nichts zieht wie ein Krieg so sehr die Aufmerksamkeit an, und einen Krieg zu führen, ist - wenigstens anfangs - fast immer populärer, als Frieden zu machen.

Auch hier gibt es drei Möglichkeiten.

Die erste: Olmert hatte wie Paulus eine Offenbarung und ist wirklich ein Mann des Friedens geworden. Der nationalistische Demagoge ist vernünftig geworden und versteht jetzt, dass der Frieden im nationalen Interesse ist. Ein Zyniker würde laut auflachen. Aber es sind schon seltsamere Dinge auf dem Weg nach Damaskus geschehen.

Die zweite: Olmert glaubt, dass die israelische Öffentlichkeit den Frieden mit Syrien einem Krieg mit Syrien vorzieht, und hofft so, mehr Popularität als Friedensstifter zu gewinnen.
(Ich glaube, so ist es).

Die dritte: Olmert weiß, dass alle Chefs des Sicherheitsestablishments ( mit Ausnahme des Mossadchefs) aus kalten strategischen Berechnungen den Frieden mit Syrien vorziehen. In den Augen des Armeegeneralstabs stellt der Verlust der Golanhöhen einen vernünftigen Preis dafür dar, dass Syrien sich vom Iran lossagt und die Hisbollah und die Hamas weniger unterstützt, besonders wenn internationale Truppen auf den Golanhöhen stationiert werden, wenn sie wieder die „syrischen Höhen“ geworden sind.

Syrien ist ein sunnitisches Land, auch wenn es von Mitgliedern einer kleinen alawitischen Sekte regiert wird, die den Schiiten näher steht. (Die Alawiten haben ihren Namen von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten, den die Schiiten als den rechtmäßigen Erben des Propheten ansehen). Die Allianz zwischen dem säkularen sunnitischen Syrien und dem orthodox-schiitischen Iran ist eine Zweckheirat ohne eine ideologische Basis. Die Allianz mit der schiitischen Hisbollah gründet sich auch auf gemeinsame Interessen: Da Syrien nicht wagt, Israel anzugreifen, um den Golan zurückzubekommen, unterstützt es die Hisbollah als Stellvertreter.

ALL DIES geschieht ohne die USA. Auch dies gab es schon einmal: die Sadat-Initiative, die hinter dem Rücken der Amerikaner zustande kam (wie mir der damalige amerikanische Botschafter in Kairo später sagte). Auch die Oslo-Initiative entwickelte sich ohne die Beteiligung der Amerikaner.

Bis vor kurzem waren die US gegen eine israelisch-syrische Annäherung, und selbst jetzt sehen sie dies mit Ärger an. Nach dem Weltbild des Cowboy George Bush gehört Syrien zur „Achse des Bösen“ und muss isoliert werden.

Darüber können die beiden amerikanischen Professoren, John Mearsheimer und Stephen Walt. die Israel im nächsten Monat besuchen werden, nachdenken. In ihrem provokativen Buch behaupten sie, dass die Israel-Lobby die US-Außenpolitik vollkommen beherrscht. Bei dieser neuen Entwicklung scheint es tatsächlich so, als ob Jerusalem Washington seinen Willen aufzwinge.

Während Bushs Besuchs in Jerusalem vor wenigen Tagen schimpfte dieser gegen das „Reden mit Feinden“. Man verstand dies als eine Zurechtweisung Barack Obamas, der seine Bereitschaft ankündigte, mit den politisch Verantwortlichen des Iran sprechen zu wollen. Vielleicht setzt Olmert schon auf Obamas Eintritt in das Weiße Haus.

Aber noch ist Bushs Amtszeit nicht zu Ende. Es sind noch acht Monate. Und auch er könnte zu der Schlussfolgerung kommen, „die Flucht nach vorne“ anzutreten. In diesem Fall, den Iran anzugreifen.

WIE WIRD sich dies alles auf die Mutter aller Probleme, den Kern des israelisch-arabischen Konfliktes, auf die Palästinafrage auswirken?

Menachem Begin machte einen separaten Frieden mit Ägypten und hat die ganze Sinai –Halbinsel abgegeben, um sich auf den Krieg mit den Palästinensern zu konzentrieren. Zweifellos war Begin auch bereit, dasselbe an der syrischen Front zu tun. Nach der Landkarte von Vladimir (Zeev) Jabotinsky, mit der Olmert aufgewachsen ist, ist der Golan genau wie der Sinai kein Teil von Erez Israel.

Ein separater Frieden bedeutet für die Palästinenser eine große Gefahr. Wenn die israelische Regierung ein Friedensabkommen mit Syrien erreicht (und dann mit dem Libanon), wird es Frieden mit allen benachbarten Staaten haben. Die Palästinenser werden isoliert werden, und die israelische Regierung wird in der Lage sein, sie je nach Wunsch zu behandeln.

Dagegen gibt es einen positiven Aspekt: dass nach der Evakuierung des Golan es verstärkten Druck geben wird, von innen wie von außen , um endlich auch mit den Palästinensern Frieden zu schließen.

Die Golansiedler sind in Israel beliebter als ihre Kollegen auf der Westbank. Während die Ofra- und Hebronsiedler als religiöse Fanatiker angesehen werden, deren wahnsinniges Benehmen dem israelischen Charakter völlig fremd ist, werden die Siedler des Golan als „Leute wie wir“ angesehen, besonders weil sie von der Laborpartei dorthin geschickt wurden. Wenn die Golansiedler evakuiert worden sind, wird es viel leichter sein, sich mit der „Judaä- und Samaria“- Gesellschaft zu befassen.

Wenn Frieden mit allen arabischen Staaten hergestellt ist, wird sich auch die israelische Öffentlichkeit sicherer fühlen, und deshalb wird sie auch bereiter sein, Risiken auf sich zu nehmen, um mit dem palästinensischen Volk Frieden zu schließen.

Die internationale Atmosphäre wird sich ebenfalls ändern. Wenn die Wahnvorstellung „Achse des Bösen“ zusammen mit George Bush verschwindet und eine neue amerikanische Führung sich ernsthaft um Frieden bemüht, wird der Optimismus wieder wagen, sein Haupt zu heben. Einige Leute träumen von einer Partnerschaft von Barack Obama mit Zipi Livni.

All das ist Zukunftsmusik. Vorläufig haben wir einen schwachen Olmert, der eine kraftvolle Initiative benötigt. Nach einer biblischen Legende tötet der Held Simson einen jungen Löwen, und als er zurückkommt, siehe da, da war im Tierkadaver ein Bienenschwarm und Honig. Simson gab den Philistern ein Rätsel auf: „Süßigkeit ging aus vom Starken“. Und keiner konnte das Rätsel lösen (Richter 14, 14).

Nun können wir fragen: „Wird Süßigkeit vom Schwachen ausgehen?“ (Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
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